Dürer war hier
Eine Reise wird Legende

„Dürer war hier. Eine Reise wird Legende“ heißt es ab dem 7. Oktober 2020 im Suermondt-Ludwig-Museum. Exakt 500 Jahre zuvor war der Renaissance-Star angereist. Das Ziel in Aachen? Eine Krönung. Der Zweck seiner insgesamt einjährigen Reise von Nürnberg bis ans niederländische Meer? Geld verdienen. So ist es überliefert. Der mit Drucken seiner bestechend scharfen Kupferstiche und Holzschnitte zu zuvor beispiellosem Ruhm gekommene Trademark-Meister mit dem weltberühmten AD-Monogramm auf schnöden Mammon schielend?

Die in Kooperation mit der National Gallery in London organisierte Ausstellung ermöglicht einen präzisen und frischen Blick auf die sogenannte Reise in die Niederlande (1520/21). Eine rätselhafte Reise, an deren Legendenbildung das Mal- und Zeichengenie höchstselbst mitwirkte – als Autor einer Art Rechnungsbuch mit Reisenotizen.

100 Meisterwerke (rund 65 Zeichnungen und Gemälde sowie 35 druckgrafische Werke) geben Zeugnis von Dürers außergewöhnlicher Kunstfertigkeit selbst unterwegs, ohne eigene Werkstatt. Zirka 40 Zeichnungen, Gemälde und Skulpturen von Künstlern, die Dürer traf, die von ihm inspiriert wurden und ihn inspirierten, komplettieren die Schau zu einem nie zuvor in dieser Form zusammengetragenen kunst-, kultur- und gesellschaftshistorischen Gesamtbild der Reise.

Das Phänomen Dürer

Der Reise in die habsburgisch regierten, burgundischen Niederlande (heute größtenteils Belgien) widmete sich die Ausstellungswelt zuletzt 1977 im Rahmen des Europalia-Festivals in Brüssel. Mit vier Jahrzehnten weiterer Forschungsarbeit wird der Akzent 2020/21 in Aachen und London stärker auf den Künstler gelegt. Denn gerade die Reise rund um seinen fünfzigsten Geburtstag zeigt Albrecht Dürer (1471 – 1528) in all seinen Facetten, in Bild und Wort. Gerade der reisende Dürer gibt Aufschluss über das Phänomen Dürer, darüber, wie ein meisterhafter Handwerker gesellschaftlich aufstieg, über das Künstlersein in einer Welt, die noch keinen Begriff hatte für das, was wir heute Künstlerschaft nennen.

Namhafte Künstler begegnen einem bei der Reise mit Dürer gleich reihenweise: Quentin Massys, Bernard van Orley, Conrad Meit, Jan Provoost, Dirk Vellert und Lucas van Leyden, um nur einige zu nennen. Dürer ist Werkstatt- und Hochzeitsgast von Joachim Patinir, den er Landschaftsmaler nennt, womit er gleich noch einen neuen Gattungsbegriff prägt.

Viel Zeit verbringt Dürer auch mit Handelsleuten wie Vertretern der Fugger, mit hohen Amtsträgern aus seiner Heimatregion und seiner einjährigen Wahlheimat Niederlande, mit Patriziern und höfischer Gesellschaft. Und damit kommt das Geld ins Spiel: ein seit 1518 noch ausstehendes kaiserliches Honorar in Höhe von 200 Gulden sowie, wohl weit wichtiger noch, eine 1515 zugesprochene Leibrente von 100 Gulden jährlich, etwa das Doppelte des durchschnittlichen Jahressalärs (50 Gulden) eines Handwerkmeisters. Seit dem Tod Maximilians I. zu Beginn von 1519 verwehrte ihm die Stadt Nürnberg die Auszahlung des Honorars und des kaiserlichen Privilegs. In den habsburgisch regierten Niederlanden sucht und findet Dürer Fürsprecher für die Fortsetzung der Zahlungen.

Dürer in Aachen

Die eingeholten Empfehlungen für die Fortsetzung der Leibrente richten sich an Maximilians Nachfolger. Und dieser wird am 23. Oktober 1520 in Aachen zum König gekrönt. Bereits am 7. Oktober trifft Dürer in Aachen ein. Er vergnügt sich in den Thermalquellen und beim Spiel, er bestaunt die Heiltümer, bewundert und zeichnet Dom und Katschhof, zudem das Rathaus und einen rastenden Hund. Die Burg Frankenberg nutzt er als Kulisse für ein Bildnis, dem er freigeistig eine Rheinlandschaft hinzufügt. In der Aachener Region besucht Dürer u.a. Jülich und Düren sowie Köln.

Sein Privileg erhält Dürer übrigens wieder. Und auch sonst dürfte sich die Reise am Ende gelohnt haben. Sie mehrte seinen Ruhm: durch gesellschaftlichen Austausch und beim (Geschenk-)Handel mit seiner Kunst.

Legendenstoff

Das Neue, das Fremde fasziniert Albrecht Dürer. Als die Nachricht von einer Walstrandung in Zeeland die Runde macht, macht er sich auf. Es wird eine Abenteuergeschichte inklusive Schiffbruch und ihm selbst als Retter. Sicher an Land, ist der Wal schon wieder weggespült. Was bleibt, ist wohl kurze Enttäuschung und eine langwierige Krankheit mit Fieberschüben und Erschöpfung. Medizinisch lassen die beschriebenen Symptome einige Forscher auf Syphilis schließen, andere vermuten, dass er sich in Zeeland Malaria zuzieht.

Was Dürer künstlerisch mitbringt, ist eine weitere sagenhafte Geschichte um ein Meerestier. Nach seiner Rückkehr von Zeeland nach Antwerpen fertigt er eine fantastische Zeichnung eines Walrosses. Ob das mit fabelhafter Größe beschriebene Wesen (zwölf brabantische Ellen entsprächen 8,30 Meter Länge) tatsächlich in der niederländischen See gefangen wurde und Dürer es wirklich dort sah, wie er in der Inschrift des Blattes nahelegt? Vermutlich nicht. Forscher halten sogar eine Vorlage seines Werkstattmitarbeiters Hans Baldung als Inspirationsquelle für möglich. Doch klingt Dürers Zeeland-Sage nicht viel spannender?

Dürers Reise in die Niederlande ist eine der produktivsten Zeiten des Künstlers überhaupt. Etwa 120 erhaltene Blätter mit Zeichnungen werden nach neuester Forschung zur Reise in die Niederlande gezählt. Sogar Gemälde, von der Produktion her weit aufwändiger als Zeichnungen, malte Dürer auf seiner Reise. Er erwähnt für das Reisejahr sage und schreibe 22.

Es ist eine prächtige Schule des Sehens mit sagenhaft bestaunenswerten Kunstwerken und einer Reisegeschichte, die zur Legende wurde, für die das Suermondt-Ludwig-Museum und die National Gallery Leihgaben aus Europa und den USA in Aachen und London zusammenführen.

Leihgeber

(Stand Ende September 2019)

Deutschland: die Museen der Stadt Nürnberg (Kunstsammlungen, Albrecht-Dürer-Haus-Stiftung), das Staatsarchiv Nürnberg, das Germanische Nationalmuseum Nürnberg, das Städel Museum Frankfurt, die Hamburger Kunsthalle, die Gemäldegalerie Alte Meister – Staatliche Kunstsammlungen Dresden, das Museum der bildenden Künste Leipzig, die Klassik Stiftung Weimar, die Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, die Museumslandschaft Hessen-Kassel, Gemäldegalerie, die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Wenzel Kunsthandel Bamberg.
Großbritannien: die National Gallery London für das Suermondt-Ludwig-Museum, das British Museum London, der Royal Collection Trust, das Ashmolean Museum Oxford, das Barber Institute of Arts Birmingham.
Frankreich: der Louvre Paris, das Musée du Peit Palais Paris, die Fondation Custodia Paris.
Italien: die Galerie der Uffizien Florenz, die Biblioteca Ambrosiana Mailand, die Accademia Carrara, Bergamo.
Belgien: das Königliche Museum für Schöne Künste Antwerpen, Snijders & Rockoxhuis Antwerpen
Niederlande: Rijksmuseum Twente Enschede
Österreich: Akademie der bildenden Künste Wien
Tschechische Republik: Erzbischöfliche Residenz (Bischöfliche Sammlung) Kromeriz
Portugal: Museu Nacional de Arte Antiga Lissabon
Spanien: das Museum Thyssen-Bornemisza Madrid
USA: National Gallery of Art Washington, Isabella Stewart Gardner Museum Boston, Harvard University Art Museums Cambridge

Kuratorenteam

Die Ausstellung wird in Aachen von Peter van den Brink, Direktor des Suermondt-Ludwig-Museums, und Sarvenaz Ayooghi, Kuratorin für Gemälde, sowie in London von Dr. Susan Foister, stellvertretende Direktorin und Kuratorin für frühe niederländische, deutsche und britische Malerei der National Gallery, kuratiert. In London wird sie in modifizierter Form, erweitert um eine Sektion zu Dürers zwei früheren Reisen nach Venedig, unter dem Titel „Dürer´s Journeys: Travels of a Renaissance Artist“ präsentiert (13. Februar – 16. Mai 2021).

Wissenschaftlicher Beirat

Dr. Susan Foister (National Gallery, London), Prof. Dr. Manfred Sellink (Koninklijk Museum voor Schone Kunsten Antwerpen), Dr. Thomas Schauerte (Museen der Stadt Aschaffenburg), Prof. Dr. Jan van der Stock (Katholieke Universiteit te Leuven), Dr. Joris van Grieken (KBR Brüssel), Till-Holger Borchert (Musea Brugge), Prof. Dr. Arnold Nesselrath (Humboldt Universität Berlin), Dr. Daniel Hess (Germanisches Nationalmuseum Nürnberg), Dr. Giulia Bartrum (British Museum London), Dr. Christof Metzger (Albertina Wien), Prof. Dr. Dagmar Eichberger (Universität Heidelberg) sowie Dr. Dagmar Preising, Sarvenaz Ayooghi und Peter van den Brink (alle Suermondt-Ludwig-Museum)

Katalog

Ein Katalog mit ca. 300 Seiten und 250 Farbabbildungen wird zur Ausstellung veröffentlicht. In 24 Essays wird der aktuelle Stand der Forschung zur Reise Dürers in die Niederlande sowie zu den beiden früheren Reisen nach Italien (eine Sektion der Ausstellung in London) vorgestellt. Die deutsche Version erscheint im Hirmer Verlag, die englische bei National Gallery Publications.

Suermondt-Ludwig-Museum
Wilhelmstraße 18 | 52070 Aachen
Tel. +49 241 4798040
www.suermondt-ludwig-museum.de